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Allein der Wind bestimmt den Kurs

  • Autorenbild: Kerstin
    Kerstin
  • 2. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Viel Zeit. Kein Ziel. Kein Stress. Unsere Segelreise soll uns möglichst nach Süden führen, aber es gibt keine feste Vorgabe für ein bestimmtes Ziel. Gerne würden wir Zadar anschauen, was wir bisher noch nie geschafft haben. Und auch das Städtchen Korčula wäre auf der Wunschliste, ebenso wie der Nationalpark der Kornaten, für den man eine recht happige Eintrittsgebühr entrichten muss. Eigentlich möchten wir (vor allem ich) nicht schon Tage oder Wochen vorausplanen, wohin wir segeln werden. Aber so ganz ignorieren können wir die Grosswetterlage auch nicht. Windy, unsere zuverlässigste Wind-App, sagt eine heftige Bora in ein paar Tagen voraus, und kurz darauf nistet sich wohl der Jugo in Mitteldalmatien ein, und zwar mit Windstärken von deutlich über 30 Knoten. Es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als doch eine grobe Planung zu machen, damit wir sicherstellen können, bei Sturm einen zuverlässigen Unterschlupf zu finden; idealerweise in einer Marina oder in einem guten Bojenfeld.

So verlassen wir Unije bei wenig Wind und diskutieren. Lieber nochmal ein langer Schlag, damit wir möglichst schnell möglichst weit in den Süden kommen? Und von dort aus dann mit dem Südwind wieder zurücksegeln, falls er doch nicht so schlimm wird? Bora abwettern in der Marina Veli Rat? Aber die sind doch so unfreundlich dort. Oder heute lieber nicht so viele Meilen machen, weil gestern so ein anstrengender Segeltag war? Dafür morgen bis Žut?

Für den Moment fühlt es sich für uns beide richtig an, eine kürzere Strecke zurückzulegen und schon am frühen Nachmittag in einer der südlichen Buchten von Lošinj festzumachen. Sicherlich wird die Windvorhersage sich noch mehrmals ändern. Klar ist auch, dass wir Ilovik diesmal links liegenlassen werden, da wir befürchten, dass uns dort im Kanal die Boje gegen den Rumpf knallt. Kennen wir schon. Rumpf neu lackiert, Lebensversicherung und so.

Stephan meint sowieso , Ilovik wird überschätzt.

Während wir Argumente für die eine und gegen die andere Variante austauschen, kommt Wind auf. Also hoch mit dem Tuch und gesegelt! Wir fahren entspannt an Lošinj entlang, es grüsst der daily dolphin, und am Ende entscheiden wir uns für die Bucht Krivica. Wir ankern einsam und alleine in der traumhaften Pinienbucht, die im Sommer immer überlaufen ist. Es lebe die Vorsaison! In unserem Familienchat werden wir informiert, dass diese Bucht von meinen Eltern, die jahrzehntelang mit ihrem Motorboot in der Gegend unterwegs waren und jede Ankerbucht wie ihre Westentasche kannten, die „Katholikenbucht“ genannt wurde. Der Grund: im Gegensatz zu vielen anderen beliebten Ankerbuchten waren in Krivica die Böötler immer sittsam angezogen, während andernorts doch eher der Freikörperkultur gefrönt wurde!

Wir bleiben auch angezogen, was aber eher den Temperaturen im April geschuldet ist. Die Wassertemperatur liegt bei 17 Grad.

Wir chillen den ganzen Nachmittag und Abend an Deck und atmen den dezenten, aber unverkennbaren Pinienduft ein. In der Dämmerung ruft ein Kauz, und wahrscheinlich mäht auch ein Schaf. Windy berichtet nichts Neues, und so soll es morgen nach Veli Rat auf Dugi Otok gehen. Mit dem Schlenker nach Zadar wird es wohl eher schwierig. Egal.



Auch am folgenden Tag lacht wieder die Sonne, der Wind allerdings lässt noch auf sich warten. Wir motoren zunächst an Ilovik vorbei, dann an der „Dracheninsel“. In der Ferne können wir bereits Dugi Otok ausmachen, da startet wieder unser Delfin-Unterhaltungsprogramm. Diesmal sind es 4 Tiere, die ganz langsam durch die Wellen tauchen. Auch ein paar mehr Segler sind unterwegs, je weiter wir nach Süden kommen. Wirklich segeln tut aber niemand, wie auch, ohne Wind. Aber wir sind trotzdem guter Dinge, und Rubys neu gewarteter Motor schnurrt tadellos.

Die Nacht soll windstill bleiben. Wir brauchen daher nicht den Schutz der unsympathischen Marina, sondern planen in der grosszügigen Bucht von Veli Rat vor Boje zu gehen. Dort lagen wir schon einmal im Sommer, Halligalli herrschte damals, und unsere Nachbarlieger, die meine Hexenfrisur nicht übersehen haben können, fragten uns allen Ernstes nach Conditioner!

Diesmal rechnen wir mit weniger Betrieb. Nicht aber damit, dass gar keine Bojen vorhanden sind! Es lebe die Vorsaison. Kein Problem, dann kommt eben der Anker zum Einsatz. Der Ankerlöli (ich) stellt fest, dass die Kettenmarkierung in keinster Weise mit dem Kettenzähler der antiken Fernbedienung unserer Ankerwinsch übereinstimmt. Wir sind froh, dass das Ding überhaupt funktioniert und halten uns an die farbigen Markierungen.

Zum ersten Mal werden T-Shirt und kurze Hose ausgepackt und der Fatboy (unser Sitzsack) an Deck gehievt. Wasser und Ausblick lassen einmal mehr Karibikfeeling aufkommen. Uns geht es gut. Viel Zeit, kein Stress, nächstes Ziel Žut.


 
 
 

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