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Hold my beer!

  • Autorenbild: Kerstin
    Kerstin
  • 12. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Nach so vielen Segeljahren im Revier haben wir langsam ein Gespür dafür entwickelt, wie die Wind- und Wetterverhältnisse einzuschätzen sind. Einerseits sind die Segler-Apps zuverlässiger geworden, allerdings sind wir uns immer bewusst, dass auf die Meteorologen allein nicht immer Verlass ist. Der Blick zum Himmel und auf die Wasseroberfläche gehört zum Standardprogramm, und wir haben uns auch angewöhnt, unser Schiff immer so zu verlassen, dass alles gut verpackt ist, obwohl vielleicht gerade die See so aussieht, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Alle Luken werden dann geschlossen, alle Sitzpolster in die Kajüte geräumt, alle Kleidungsstücke, die noch über der Reling trocknen, werden abgehängt. Das Grosssegel verschwindet in seinem Lazybag, und um die Rollgenua wird meist noch eine Sicherheitsleine festgezurrt, auf dass uns niemals das gleiche Schicksal ereilen möge wie dereinst Michael auf seiner Samai in der Antarktis, dessen Genua sich bei Sturm aufgerollt hat, was beinahe in einer Katastrophe geendet hätte.

So pingelig waren wir früher nicht immer, und andere Segler scheinen diesbezüglich auch eher relaxter zu sein.


Wir haben auf unserer Fahrt zurück in den Norden erneut Veli Rat angesteuert, da diese Bucht in der Region den besten Schutz vor starken südlichen Winden bietet. Diesmal haben wir Gesellschaft von zwei weiteren Segelbooten in der Ankerbucht. Alle anderen haben sich in die Marina verzogen.

Am Abend und in der Nacht haut der Südwind ordentlich rein, aber wir liegen sicher. Um 2 Uhr schaltet Stephan den nervigen Ankeralarm aus, der anscheinend dauernd piept und behauptet, das Boot würde abtreiben. Die Matrosin merkt davon nicht die Spur und schläft auch weiter, als der Skipper sich mehrfach müde nach draussen schleppt, um jedesmal festzustellen, dass alles in Ordnung ist mit dem Anker.

Beim Morgenkaffee an Deck sind wir umso überraschter, unsere Ankerboje (bestes Gadget ever) erschreckend nah neben der deutschen Yacht aus Wasserburg zu entdecken. Entweder die hat‘s vertrieben oder uns…?! Vermutlich hatte der Ankeralarm doch recht.

Bei blauem Himmel und wenig Wind drängt die Matrosin zum Aufbruch. Wir wollen heute nur einen kurzen Schlag bis zur Nachbarinsel Molat segeln. Nach dem gestrigen langen Segeltag (35 sm von Žut hierher) möchten wir es entspannter angehen lassen. Molat hat ein gutes Bojenfeld und bietet Schutz vor allen Winden. Das ist wichtig, denn ab Mittag sind Regen, mögliche Gewitter und für den Abend und die Nacht kräftige Bora angesagt. Ausserdem wissen wir von früheren Törns, dass das Insellädchen eine recht umfangreiche Auswahl an Lebensmitteln hat. Es wird nämlich Zeit, unsere Vorräte aufzustocken. Daher planen wir endlich mal wieder einen Landgang ein.

Wir lichten den Anker am frühen Vormittag, als der Himmel schon beginnt, sich zuzuziehen. Gleich frischt der Wind auf, und wir lassen uns mit der gerefften Genua mit 5 kn nach Molat ziehen (das Reff laut Skipper nur, damit wir nicht zu schnell dort sind, es sind nur 5 Meilen bis Molat)!

Das Bojenfeld ist um diese Zeit noch völlig leer, wir haben also die freie Auswahl. Wir machen an einer Boje fest, die im Schutz des kleinen Inselchens vor Brgulje liegt. Ich verliere jetzt keine Worte mehr über das Manöver. Eingespieltes Team und so, alle Bootshaken noch an Bord. Wegen der Windprognose sichern wir das Schiff wie meistens mit doppeltem Festmacher.



Der Himmel sieht inzwischen ziemlich düster aus. Stephan trainiert seinen rechten Oberschenkelmuskel, indem er das Dinghi mit der Fusspumpe aufpumpt. Die Wasserung des Beibootes geht mit diversen Meinungsverschiedenheiten über die optimale Leinenführung und wer wann welches Seil loslässt vonstatten, aber letztendlich ist auch der Aussenborder befestigt, wir sitzen beide im Boot und kutschieren unseren Müll an Land.

Wir informieren uns vor Ort über die Ladenöffnungszeiten und machen einen Spaziergang den Hügel hinauf ins alte Dorf Brgulje. Uns fällt die üppig grüne Vegetation auf, sogar wilde Orchideen stehen am Wegesrand. Oben hinter der Kirche blicken wir auf die andere Seite der Insel hinunter. Ein böiger Wind pfeift uns um die Ohren, die Wolken sind dunkelgrau, und der Dorfbewohner, der uns mit Kartoffeln und einer Knoblauch-Olivenöl- Tunke entgegenkommt, murmelt ausser „dobar dan“ auch noch irgendwas von „hladno“ (kalt).



Wir sputen uns in den Hafen, verzichten auf ein kaltes Bier mit den Insulanern und tätigen unsere Einkäufe. Stephan erkundigt sich noch beim Ladenmann, ob die Bojen auch bei Bora sicher seien. Dessen in den Bart genuschelte Antwort interpretieren wir als Ja. Auf dem Rückweg zu Ruby bekommen wir wegen der ruppigen See einen nassen Hintern. Uns entgegen in Richtung Land tuckert die Crew des Nachbarliegers, einem Katamaran. Mutig, finden wir, denn das Unwetter bricht bestimmt bald los.

Ich hieve mich und die Einkaufstüte irgendwie an Bord (Ein- und Aussteigen ins Schlauchboot sind für mich die grössten Herausforderungen beim Segeln) und begebe mich unter Deck, um Sandwiches zuzubereiten. Es ist schon fast halb 3, und wir haben noch nichts gegessen. Kaum habe ich die Brote liebevoll mit Gürkchen dekoriert und Stephan klettert in den Schiffsbauch, fallen die ersten Tropfen. Wieder einmal perfektes Timing, stellen wir fest und prosten uns mit einem Radler zu. Die erste Mahlzeit des Törns, die wir am Salontisch einnehmen! Sonst sitzen wir immer draussen.

Wir nehmen einen Schluck Bier und beissen mit Heisshunger in unser Gürkchenbrot, da pfeift es unheilvoll in den Wanten, und Ruby legt sich ohne Vorwarnung auf die rechte Seite. Ungläubig beobachten wir wie in Zeitlupe, wie unsere Bierdosen vom Salontisch rutschen und ihr Inhalt sich über den Boden ergiesst. Ehe wir so richtig realisieren, was hier für ein Sturm eskaliert, neigt das Schiff sich zur anderen Seite. Das Bier auf dem Boden schwappt von rechts nach links. Während Stephan ins Ölzeug und dann an Deck springt, um sicherzustellen, dass wir noch an der Boje und die Boje auf Grund verankert ist, versuche ich in der Kajüte zu verhindern, dass Teller, Brot und Gürkchen durch die Gegend fliegen (alles wird schnell in die Spüle geworfen) und wische die Bierlache bestmöglich auf. Draussen sieht man die Hand vor Augen nicht. Stephan startet zur Sicherheit den Motor, falls wir notfallmässig losmachen müssen. Gleichzeitig sehe ich, wie unser Dinghi, das am Heck an der Klampe befestigt ist, abhebt. Ja, mit dem Bug in die Luft, wie ein Flugzeug! Glücklicherweise entschliesst es sich direkt wieder zur Landung, und nachdem Stephan mehr Leine gibt, entspannt sich die Situation. Ein kurzer Blick auf den Windmesser zeigt mehr als 40 kn an!!



Währenddessen darf die Katamaran-Crew von Land aus beobachten, wie es ihr Grosssegel aus den nicht gesicherten Lazybags weht. Und auch sonst werden sie wohl nicht glücklich darüber sein, ihr Schiff im falschen Moment verlassen zu haben. Die anderen Bojennachbarn sind an Deck und machen alles sturmfest. Wir schicken ein paar gute Gedanken an all die Segler, die dieses Unwetter draussen auf See erleben müssen und hoffen, alle kommen sicher an.

Bei uns erweisen sich sowohl Festmacherleinen als auch Boje als stabil. Nach 30 Minuten scheint der Wind etwas nachzulassen. Man sieht wieder bis zu den Nachbarinseln. Endlich kann sich auch Stephan aus den nassen Klamotten schälen und in die warme Kajüte kommen. Ich klaube das, was von den Sandwiches noch zu retten ist, aus dem Spülbecken, und wir geniessen unser bescheidenes Mahl (ohne Bier), als wäre es von einem Sternekoch kredenzt.


 
 
 

1 Kommentar


Peter Kirchgessner
Peter Kirchgessner
18. Mai

Danke, spannende Story :)

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