
Bloss nicht umdrehen!

Ausnahmsweise behalten die Wind-Apps einmal recht. Bis jetzt waren die Prognosen genauso häufig korrekt wie komplett daneben. Für unseren heutigen kurzen Schlag von Nizza nach Antibes, 12 Sm, sollte es ordentliche 20 kn Ostwind geben, in Böen 30. Immerhin aus der passenden Richtung, Antibes liegt südwestlich von Nizza. Wir liegen absolut ruhig im alten Stadthafen von Nizza, die Verklicker bewegen sich kaum. „Das gibt eh wieder kaum Wind und Welle“, gibt Stephan unserer Hafenbekanntschaft aus St. Gallen zu verstehen. Mit der Besatzung der „Tuna“, die von Frankreich nach Italien unterwegs sind, haben wir am Vorabend beim Apéro Erfahrungen und Tipps ausgetauscht und anschliessend im Gassengewirr der Altstadt von Nizza ein einladendes kleines Restaurant gefunden, in dem wir vorzüglich bewirtet wurden und uns mit unseren Tischnachbarn aus den Niederlanden ausgiebig über Boote unterhalten haben. Beide sind Broker für Luxusyachten und gerade auf der Monaco Bootsmesse aktiv. Sie konnten verrückte Geschichten zum Besten geben, wie z.B. von einem Yachtbesitzer, der seine 3 Katzen mit dem Taxi aus Holland nach Monte Carlo aufs Schiff bringen lässt incl. Hotelübernachtung unterwegs mit eigenem Zimmer für die Katzen… Daraufhin wollten wir nicht unerwähnt lassen, dass unser Boot, das ja bald auf die 60 zugeht, nicht einmal über eine Dusche verfügt.
Auf jeden netten Abend folgt ein vielversprechender neuer Morgen. Gemäss Plan soll Brendanus den Hafen von Nizza um 8.30 Uhr verlassen, da dann die Windverhältnisse (wenn wir der App glauben) noch nicht allzu wild sein sollen. Unser Schweizer Kollege warnt vor hohen Wellen. Also ist nach Kaffee und Vollkornbrot alles bereit zum Auslaufen. Wenn dann der Motor starten würde. Tut er aber nicht. Wir versuchen alles Mögliche, aber nichts zu machen. Wir können die Maschine nur anlassen, wenn der Landstrom angeschlossen ist. Die Starterbatterie zeigt aber vollen Ladezustand an. Da ist guter Rat teuer. Stephan stapft kurzerhand ins Marinaoffice, um professionelle Hilfe anzufordern. Der alte Hafen in Nizza ist zwar fantastisch gelegen, die Leute sind sehr freundlich, aber Elektriker oder Motorspezialisten gibt es keine. Wir erhalten lediglich eine Telefonnummer, unter der niemand zu erreichen ist.
Es folgt eine schweisstreibende Arie der Fehlersuche am Elektropanel und im Motorraum, bis Stephan ein triumphierendes „ha!“ ausstösst. Er hat irgendein abgebrochenes Kabel im Motorraum entdeckt, das dem Anlasser Strom liefern müsste, aber nicht tut. Die Kirchturmuhr schlägt mittlerweile 11. In den Tiefen des Schiffsbauches werden Ersatzteile, Werkzeug und Stirnlampen gesucht und gefunden. Ich fühle mich wie früher am OP-Tisch: Haken und Maul halten.

Endlich ist das Kabel neu installiert. Voller freudiger Spannung betätige ich Zündung und Anlasserknopf. Das Resultat ist nicht mehr als ein müdes „Klick“.
Wir beraten frustriert das weitere Vorgehen. In Nizza bekommen wir offensichtlich keine Hilfe, aber Port Vauban in Antibes ist einer der grössten Yachthäfen im Revier. Dort wird es sicher Mechaniker geben, die sich des Problems annehmen. Was aber bedeutet, dass wir den Motor unter Landstrom starten müssen und bis Antibes nicht mehr ausmachen dürfen. Egal, so wird‘s beschlossen. Vermutlich ist sowieso kein Wind, und es wäre ohnehin motoren angesagt.
Kaum verlassen wir die Hafenausfahrt, zeigt der Windmesser 20 kn Ostwind an. So weit, so gut. Kann man ja mit der Genua schön segeln. Weniger nett gestaltet sich das Meer: hohe Wellen mit Schaumkronen machen uns das Leben schwer. Nach ungefähr 15 Minuten schwappt ein Brecher ins Cockpit und durchnässt mich von oben bis unten. Hätte vielleicht auf den Skipper hören und Ölzeug anziehen sollen… Stattdessen muss ich mich bei dem Geschaukel unter Deck umziehen, was nicht wirklich ein Spass ist. Stephan versucht inzwischen, die Wellen, die teils von der Seite, teils von schräg hinten anrollen, auszureiten. Wir sausen mit gerefftem Vorsegel und wenig Motorunterstützung mit 7 kn ins Wellental. Brendanus folgt ihrem Steuermann willig und schwankt von einem Wellenkamm zum nächsten. Sie liegt so gut im Wasser, dass ich trotz des wilden Ritts keinerlei Sicherheitsbedenken habe. Stephan steuert konzentriert, aber sicher, und dass wir Rettungswesten mit eingeklickten Safety-Belts tragen, versteht sich von selbst.

Mit uns kämpfen sich in einiger Distanz ein, zwei andere Segler durch die tosende See. Der Wind hat mittlerweile aufgefrischt, in Böen erreicht er bisweilen 30 kn. Doch unser Ziel rückt näher. Zwar hat die Marina Antibes eine Mail geschickt „if you have poblems with your boat, you can‘t come“, aber wir beschliessen, diese komische Nachricht zu ignorieren. Langsam fängt die Fahrt fast an, Spass zu machen, aber offensichtlich nur mir. Stephan hat mit den Wellen und der Pinne alle Hände voll zu tun. Und unser Plotter gibt plötzlich auch noch den Geist auf. Glücklicherweise ist die Hafeneinfahrt bereits in Sichtweite. Ich habe mich im Luv unter der Sprayhood zusammengefaltet, den Blick stets nach vorne gerichtet. Jetzt drehe ich mich einmal um. Was ich da sehe, ist, ehrlich gesagt, mindestens mal beunruhigend. Wie hoch sind denn diese Wellen?!? Wenn sie von hinten kommen, spürt man sie nicht so extrem, aber sie zu sehen, ist nicht lustig! Also Blick nach vorne.

Die Hafeneinfahrt kommt näher. Die sehr schmale Hafeneinfahrt. Die Hafeneinfahrt, auf die die Brecher zurollen. Brendanus wird durchgeschüttelt. Wir entscheiden, die Genua noch mehr zu reffen, aber nicht ganz einzuholen. Die Wogen schieben uns immer näher an die Leeseite der Einfahrt. Aber Stephan surft uns souverän zwischen den Leuchtfeuern durch hinein ins Hafenbecken. Die Wellen müssen „leider“ draussen bleiben. Nun sind wir endlich in Antibes angekommen. Gleich hinter dem Steg öffnet sich das Stadttor in die Altstadt. Genau hier, im alten Hafenbecken, habe ich mir gewünscht zu liegen.
Unsere Seglerkollegen aus St. Gallen haben sich per WhatsApp schon besorgt nach unserem Befinden erkundigt. Sie haben wohl von der Hafenmauer in Nizza ein kleines schaukelndes Segelböötchen erspäht und uns in Gedanken die Daumen gedrückt.
Mal sehen, ob unsere Energie heute Abend noch für einen ersten Stadtbummel reicht. Ansonsten warten nun ein paar beschauliche Tage in Antibes auf uns.



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