
Brendanus segelt wieder

Früh um 6.30 Uhr knattern Vespas vorbei. Autos hupen, in der Ferne kräht ein Hahn.
Ich sitze mit meinem Kaffee an Deck der Brendanus und stelle fest, dass so ein ligurisches Städtchen schon zeitig erwacht. Wir liegen in der Marina von Imperia und damit praktisch mitten in der Altstadt. Wir haben freie Sicht auf die bunten Häuserfassaden und natürlich die Kirche, die wie überall hier in der Gegend oberhalb der Stadt thront. Ein Katzensprung über die belebte Strasse, und wir finden uns in engen Altstadtgässchen wieder, die alle etwas Patina haben, aber vor allem viel Charme. Am Vorabend haben wir hier eine okaye Pizza genossen, heute Morgen werden wir aufbrechen, um den schönen Ostwind für die nächste Etappe mit Ziel Frankreich auszunutzen. Zunächst aber müssen wir uns auf einen laaaangen Marsch in Richtung „Häusl“ begeben. Duschen und WCs befinden sich auf der anderen Seite des Hafenbeckens - der Preis, den man eben zahlt, wenn man einen Liegeplatz vor den Toren der Altstadt ergattert hat. Stephan zieht als erster los und kommt nach gefühlt einer Stunde wieder zurück: immerhin mit frischen Croissants im Gepäck. Ich verbinde die Wanderung mit einer Besichtigung der Strandpromenade, die wunderschöne Ausblicke auf Meer, Strand und Stadtkulisse in der Morgensonne für mich bereithält.

Nach dem Croissant-Frühstück wird unser Schiffchen segelfertig gemacht und verlässt die Marina di Imperia voller Vorfreude auf einen weiteren tollen Segeltag.
Gestartet sind wir drei Tage vorher in Genua. Die Vorzeichen für unseren Törn an die Côte d’Azur waren erstmal mässig. Brendanus musste vor dem Start ausgiebig geduscht werden. Stephan schwang mit Verve Wasserschlauch und Schrubber, als ein Schrei erklang:“Sch…., die Fenster sind noch auf“! Da war das Unheil aber schon geschehen. Wir hatten unfreiwillig nicht nur das Deck, sondern auch das Interieur unseres Schiffes gewässert. Demzufolge wurden in den nächsten Stunden Handtücher, Decken, Klamotten und Polster über der Reling und im Cockpit in der Sonne getrocknet. Stephan musste fluchend in Bauchlage die Bilge trockenschöpfen. Anfängerfehler, echt wahr. Doch nach dem holprigen Auftakt wurden wir mehr als entschädigt und konnten nachmittags mit traumhaftem Halbwind und ohne Welle nach Varazze segeln. dort die Nacht verbringen und tags darauf weiterfahren nach Loano, das wir von unserem Überführungstörn noch in guter Erinnerung hatten. Die Winde waren uns abermals gewogen, und obwohl Brendanus, die alte Flunder, wie eine Eins durch die Wellen pflügte, mussten wir irgendwann doch das erste Reff einbinden, um den Ruderdruck erträglich zu halten. Kaum war gerefft (unser Lieblingsmanöver, klappt immer reibungslos und ohne Hektik mit mir an der Pinne und dem Skipper am Mast rödelnd), flaute der Wind ab. Tja. Wir waren aber zu faul zum Ausreffen und dümpelten halt etwas langsamer zum Ziel.
Das Städtchen Loano hielt für uns leckere Sardinen und die Marina Luxus-Sanitäranlagen bereit.

Am Folgetag dann der Schlag nach Imperia. Der wurde zur Belastungsprobe für Brendis Motor, denn der Wind versteckte sich irgendwo hinter den ligurischen Bergen. Die Maschine schnurrte aber ohne Fehl und Tadel, und als Highlight des Tages durften wir auf halber Strecke minutenlang einer Delfinschule von etwa 10 Tieren beim Spielen zuschauen. Immer wieder ein beeindruckendes Erlebnis. Der Skipper behauptete, im Walschutzgebiet zwischen Marseille und Genua gäbe es 4500 Wale. Das konnte ich kaum glauben; vor allem: wo waren die alle? Und wir sehen nur mickrige 10 davon? Wo blieben die Pottwale?? Also musste gegoogelt werden, mit folgendem unfassbaren Resultat: nicht 4000, sondern 40000-80000 Delfine und Wale leben im Schutzgebiet!! Allein 37000 Streifendelfine. Insofern kam mir die Sichtung von 10 Delfinen echt enttäuschend vor. Ziemlich klein waren die auch noch. Aber na ja, trotzdem cool. In der Schweiz sind die Murmeltiere ja auch grösser als anderswo, wie man weiss 🤣.

Bei glatter See tuckerten wir an der traumhaften ligurischen Küste entlang. Brendanus ist ganz klar ein Segel- und kein Motorboot. Unter Maschine ist sie eine wahre Schnecke, was der Crew einiges an Geduld abverlangt.
Kurz vor dem Ziel spürte die Matrosin plötzlich Luftbewegung zwischen den Ohren. Es gelang ihr, den nach 6 Motorstunden ein wenig träge gewordenen Skipper aus seiner Lethargie zu reissen und zum Segelsetzen zu motivieren. Wir hatten 9-10 kn Wind von vorne, das hiess Aufkreuzen bis Imperia, das aber bereits in Sichtweite lag. Und so kamen wir am Ende doch noch zu einer Stunde Genussegeln , bevor wir in Imperia einliefen .




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