
Fifty shades of blue
- Kerstin

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Ohne Eile verstauen wir unsere Siebensachen und lösen Ruby von der Boje. Die Nacht war ruhig. Die Charteryacht aus Pula muss bereits am frühen Morgen die Bucht verlassen haben. Die Österreicher mit der Bavaria 44 sind wieder mit Skippertraining beschäftigt. Bevor auch sie sich auf den Rückweg nach Istrien machen, erkundigen sie sich interessiert nach unserem „wunderschönen Boot“. Die Ruby-Crew freut‘s!
Wir bereiten vorfreudig den Gennaker vor, denn heute soll es wenig Wind von hinten geben. Als wir aus der Bucht von Unije tuckern, weht uns allerdings ein Lüftchen von vorne um die Nase. So scheint es ein Motorboottag zu werden.
Die Vormittagssonne steht jetzt im April noch nicht so hoch am wolkenlosen Himmel. Ihre Strahlen verwandeln die spiegelglatte Adria in eine silbrig glänzende Fläche, die sich teils zart kräuselt, sich teils tiefblau und wie frisch lackiert vor uns ausbreitet. In Richtung Horizont geht das satte Blau in ein leicht dunstiges Grau über, aus dem hier und da ein dunklerer Inselrücken hervorragt. Ich sitze auf dem Bugkorb und erkenne Susak, das sich wie die Silhouette eines Pottwals aus dem Meer erhebt. Links von uns erstreckt sich in Piniengrün die hügelige Linie von Lošinj, und an dessen Südspitze lassen sich die Umrisse von Ilovik und Premuda erahnen. Von Zeit zu Zeit zieht ein Motorboot einen weissen Streifen durch das makellose Blau, das mittlerweile in ein tiefes Blaugrün übergegangen ist. Am stahlblauen Himmel markiert ein Flugzeug spiegelbildlich zum Boot seinen Weg in Weiss.
Wir sind unterwegs nach Süden, ohne klares Ziel und wohin der Wind uns trägt.

Unser Aufbruch in Italien hatte sich um ein paar Stunden verzögert, da wir ja last minute noch die Schiene für die Holepunkte revidieren lassen mussten.
Oberguru Alessandro beorderte, sichtlich nervös, umgehend einen Arbeiter zu uns an Bord, der sich des Problems annehmen sollte. Umgehend bedeutete, dass besagter Arbeiter etwa eine Stunde später auftauchte, um dann festzustellen, dass er für dieses Unterfangen erst einmal ein Spezialwerkzeug zusammenbauen müsse. Das dauerte nochmal. Als er 10 Minuten an unserem neuen Flexiteak rumgefeilt hatte, meinte er, er müsse etwas holen. Und verschwand erneut. Feilte fluchend und schwitzend weiter. Musste etwas holen. Kam nicht wieder.
Wir übten uns indessen in der praktischen Anwendung des Stoizismus (nerve dich nicht über Dinge, die du sowieso nicht ändern kannst) und konnten das Chillen an Deck beinahe ein wenig geniessen, nachdem wir die beiden Tage zuvor nonstop auf dem Schiff gerödelt hatten. Fragten uns allerdings, was wir tun sollten, falls das Problem nicht in Kürze gelöst werden konnte. Trotzdem lossegeln? Wäre machbar, aber würde schlechten Vorsegeltrimm auf Amwindkurs bedeuten. Und ob wir so eine diffizile Aufgabe unseren Superexperten in Kroatien überlassen sollten? Eher zweifelhaft. Später nach Italien zurückkehren und die Werft alles auf Garantie in Ordnung bringen lassen? Zu umständlich. Also hofften wir das Beste.
Das Beste erschien in Gestalt von Matteo, dem Nachwuchsmecanico der Werft. Er warf einen kurzen Blick auf das Geschehen und den verzweifelt schwitzenden Igor, um sogleich zu verkünden, er habe eine Idee. Um sie umzusetzen, müsse er allerdings…. erstmal etwas holen.
Inzwischen war es 12 Uhr mittags. Die Arbeiter telefonierten minütlich mit irgendwem, und es ging immer um mangiare. Wir befürchteten, alle würden in die Mittagspause verschwinden, aber Matteo kam angaloppiert und brachte schweres Gerät, mit dem er irgendwas an der besagten Metallschiene abschliff. Und siehe da, die Rutscher rutschten wieder!
Und so verliessen wir mit unserem niegelnagelneuen Schiff die Marina Sant‘Andrea, um endlich wieder kroatische Gewässer anzusteuern. Wir erreichten nach unspektakulärer Motorfahrt das Bojenfeld von Umag und verkackten mehrfach das Bojenmanöver. Die Bojen waren aber auch echt besch…. zu fangen, was mein Käpt‘n gar nicht verstehen konnte. Er eilte mir zur Hilfe und wollte mir demonstrieren, wie man das macht. Was soll ich sagen - ICH hab den Bootshaken nicht ins Wasser fallen lassen!
Um es kurz zu machen: ein Einheimischer mit Motorboot fischte uns den Bootshaken aus dem Wasser, und vor den Augen der feixenden Hamburger, Slowenen, Ungarn und wer da sonst noch alles vor Boje lag, schafften wir es schliesslich festzumachen. Mit Hilfe des herbeigeeilten Bojenfeldbetreibers. Stimmung: geht so.
Nach dem Abendessen an Bord plötzlich ein Geräusch, das aus dem Schiffsbauch zu kommen schien: klong…..klong…..klong. Das kannten wir, das hatten wir schon mal! Die Boje mit ihrer Metallöse bockelte gegen unseren wunderschönen, für den Gegenwert einer Lebensversicherung neu lackierten dunkelblauen Bootsrumpf! Da gab es nur eins: weg von der Boje und ankern. Tja, das hätten wir vielleicht gleich mal machen sollen. Jedenfalls funktionierten Ankerwinsch (brandneu) und Fernbedienung für die Ankerwinsch (45 Jahre alt) tadellos. Aber das wäre Stoff für eine andere Story.

Inselrücken



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